Also, Dr. W., eines müsste ich dann doch noch loswerden. Zu meiner Verteidigung: ich bin schlagfertiger, wenn ich mich nicht gerade vor Schmerzen krümme, weniger weinerlich, wenn ich nicht nackt auf einem OP-Tisch liege (scheiß Gefühl, ganz ehrlich), und weniger schwachsinnig, wenn ich nicht gerade zwei Minuten zuvor aus der Narkose aufgewacht bin.
Ich appelliere an Sie als Anästhesist, das nachzuvollziehen. Immerhin die missverstandeste Gattung von Ärzten, die uns Film und Fernsehen so präsentieren. In diversen Serien á la ER oder Grey’s Anatomy steigen die Anästhesisten nie besonders gut aus. Es sind diejenigen, mit der am wenigsten spektakulären, medial trasportierbaren Rolle, die nur daneben sitzen und Monitore überwachen, während andere für Action zuständig sind. Wenn es einen gibt, der Alkoholiker oder medikamentenabhängig ist, dann ist es der Anästhesist. (Dass es in Wahrheit anders aussieht spiegelt sich, glaube ich, allein schon an der guten Bezahlung wieder.)
Dank Ihnen weiß ich es jetzt besser. Ich meine, um über Möglichkeit diverser Suchtkrankheiten urteilen zu können, kenne ich Sie natürlich nicht gut genug, aber verdammt, wenn es einen McDreamy in diesem OP gab, dann waren Sie das.
Aber ganz ehrlich, die Nummer mit dem iPhone nach dem Aufwachen war jetzt auch nicht ganz der Bringer, oder? Ich war a) im Delirium, hatte b) keine Stimme (die kam, nebenbei bemerkt, erst 2 Tage später ganz wieder – ich kam mir vor wie Arielle), und c) war das verflucht noch mal der einzige Satz, den ich auf kroatisch kann, weil ich erst lächerliche 4 Unterrichtsblöcke hatte! Normalerweise teile ich Fremden (McSonstwie hin oder her, das tut nichts zur Sache) nicht ohne Aufforderung mit, dass neben dem Lautsprecher eine Katze sitzt. Nein.
Und zu sagen “Ach, die jungen Mädchen!” und dabei melodramatisch den Kopf zu schütteln, das fand ich jetzt auch nicht so ganz okay. Zumal ich bemerken muss – wann haben Sie zuletzt in den Spiegel gesehen? Sie sehen nicht älter aus als 25, insofern ist solch eine Bemerkung einer 23-jährigen gegenüber äußerst unpassend. Besonders wenn Besagte gerade kurz davor ist, ausgeweidet zu werden und deswegen einen Nervenzusammenbruch bekommt.
Ja, das weiß ich alles noch. Auch, dass der Sauerstoff nach Pfefferminz geschmeckt hat. Das wollte ich Ihnen noch sagen, Dr. W., aber dazu gab es keine Gelegenheit mehr.
Trotz allem: bis auf den erlösenden Satz “Sie dürfen heute nachhause” war jedes Wort, das über Ihre Lippen kam, das Beste, was ich in diesem Krankenhaus gehört habe. Naja, “Erbrochenes könnte in Ihre Lunge gelangen und Sie würden sterben” lassen wir dabei besser außen vor. So ganz unter uns.
Danke jedenfalls, Dr. W., Sie waren der beste Anästhesist, den ich je hatte. (Und der einzige.) Hätte bei Gelegenheit nichts gegen einen schlechten Kaffee aus dem Automaten mit Ihnen gehabt. (Am zweiten postoperativen Tag, als ich wieder Kaffee trinken durfte…) Auch, wenn ich Ihnen eines nicht verzeihen kann: Muse müsste man dann doch kennen…