“Love?”, schreibt er und meint mich damit. Irritierend. “Ich vermiss dich so sehr, dass es fast körperlich weh tut.”
Der weiß doch nicht mal, was Liebe ist, denke ich, und antworte: “Ich weiß was du meinst…”
Er linkt mir einen Song von Radiohead, der ihn laut eigener Aussage an mich erinnert. Das nehme ich zweifelnd zur Kenntnis, Thom Yorke tendiert normalerweise eher zu neurotischem Weltschmerz als zu Romantik. Außerdem kotzen mich die YouTube-Videos inzwischen ziemlich an.
Der inszeniert sich doch genauso sehr wie ich, denke ich, und google ein Zitat von Thomas Bernhard, das ich ihm als mein umfangreiches Literaturwissen verkaufe, was ihn wiederum zu einer Äußerung der völligen Verzückung motiviert.
Das Ganze ist doch, überlege ich mit einem weiteren flüchtigen Seitengedanken an Bernhard, nur Theater, das wir spielen, weil wir uns beide selbst so gut in unseren Rollen gefallen. Die “star-crossed lovers” aus dem Web, die ihre Liebe auf diese höhere, vergeistigte Ebene gehoben haben, weil ihnen das Schicksal die körperliche Nähe verwehrt.
Bullshit, denke ich.
“Was auch immer passiert, ich könnte dich nie wieder vergessen. Jeden einzelnen Tag meines restlichen Lebens werde ich an dich denken.” Heute übertrifft er sich wieder selbst.
“Darling, du trägst ein bisschen dick auf, das ist dir schon klar, oder?”, äußere ich meine berechtigten Zweifel. Ich will zumindest noch so tun können, als wäre das alles erst gemeint, so verkommt es eher zu einer Schmierenkomödie.
“Wie kannst du mir nur unterstellen, ich würde das nicht ernst meinen? Ich meine jedes Wort!”, ereifert er sich. Ich sehe, wie er beim Tippen mehrmals etwas löscht, bevor er die Nachricht absendet.
Ich danke der Academy, sagte Edward Norton einst in Fight Club und ich weiß jetzt ungefähr, wie er sich dabei gefühlt hat.
Ich stoße ein virtuelles Seufzen aus und sage: “Es ist so hart…”
“Dass wir uns nicht sehen können?”, schlägt er als dramatische Wendung vor.
“Nein. Du hast mir nicht nur Radiohead, sondern auch nun auch noch Edward Norton versaut.”
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