Kreative Ergüsse
 

Wie Wasser.

Datum: 5.9.2009
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Eine Kurzgeschichte die ich… vor verflucht langer Zeit geschrieben habe, bald sind es drei Jahre. Wahnsinn, was sich über diese Dauer hinweg alles verändern kann. Und noch viel wahnsinniger ist, was sich alles nicht verändert.

Und nun erstmals zu lesen…

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Wie Wasser.

Schon immer wollte ich in einer Stadt mit einem Fluss wohnen. Kein trübes Rinnsal voller Schlamm und Algen, sondern ein richtiger Fluss: groß, imposant, reißend; ein Zeichen für Energie und Entfaltung, voller Optimismus, den ich selbst nie aufbringen kann. Deswegen vielleicht diese Affinität zu Flüssen, als Ausgleich, als fließende und sich  selbst erneuernde Entschuldigung für meinen eigenen Mangel an Tatkraft. Wasser als ein Symbol für Leben und Idealismus, fast wie die berauschende Droge einer überbordenden Emotion – es ist nicht greifbar, immer in Bewegung, es  hält dich am Leben, und kann dich auch ohne Weiteres umbringen.

Vom Ertrinken bin ich momentan allerdings weit entfernt, treibe vielmehr orientierungslos in der Menschenmenge dahin. Ärger mit dem Freund, irgendsowas muss es sein, ich kann mich nicht erinnern. Ich stehe mitten auf der Tanzfläche, obwohl es mich eigentlich wundert, dass ich noch stehen kann, geschweige denn tanzen, was mich allerdings nicht davon abhält, es zu tun. So lange, bis mir die Luft ausgeht, die Füße schmerzen, der Schweiß klebrig meine Haut überzieht und mein Make-up verlaufen lässt. Salzig schmecke ich ihn auf meiner Oberlippe, was mich einen Moment lang an Meer und Strand und brennende Sonne erinnert, und ich vergesse kurz die stickige Luft, die träge im Rhythmus der Musik wogenden Leiber und den dumpfen Bass, der in mir vibriert.

Ich weiß nicht, warum mein Blick ausgerechnet an deinem Gesicht hängen bleibt.

Es ist wie jedes andere, schwimmt undeutlich in der anonymen Masse aus Farben und Formen an mir vorbei und sticht trotzdem irgendwie heraus. Wahrscheinlich weil du rauchst, denke ich, und gehe ohne zu überlegen zu dir, um dich um eine Zigarette zu bitten, die du mir kommentarlos in die Hand drückst. Also ziehe ich mit einem Achselzucken wieder ab. Zu viel Alkohol, um noch enttäuscht sein zu können, oder auch nur einen Gedanken mehr an dich zu verschwenden. Trotzdem muss da etwas sein, das ich nicht ausmachen kann, was aber meinen Blick immer wieder in deine Richtung driften lässt.

Nicht außergewöhnlich, aber doch immer noch das Beste, was auf dieser erbärmlichen Party zu finden ist. Nicht ganz das, was ich suche, denke ich, und merke gar nicht, dass ich bisher nicht einmal auf der Suche war. Wozu auch etwas suchen, wo doch nichts in meinem Leben den geringsten Anlass dazu gibt, mich zu beschweren. Das einzige, was ich will, ersehne, ist vergessen. Alles, was mich hier her getrieben hat, bis an diesen Punkt, an dem ich nicht mehr entscheiden kann, ob ich noch etwas wünschen kann oder nicht, nur vergessen. Deswegen zögere ich auch keine Sekunde, als dein Freund mich schließlich anspricht: Hey, der David da drüben, er ist zwar ein bisschen schüchtern, aber―
Ich lasse ihn nicht einmal ausreden und mache schon zwei entschlossene Schritte auf dich zu. Hallo, David…

Ich bin immer noch betrunken, schütte dazu dein Bier in mich hinein, um den Alkoholpegel zu halten und nicht darüber nachdenken zu müssen, was ich hier eigentlich mache. Und warum. Die Unterhaltung will nicht so recht in Gang kommen und stockt immer wieder, mein Gehirn streikt. Ich habe das Gefühl, verdursten zu müssen, und weiß dabei nicht einmal, was ich eigentlich brauche. Zuwendung, mehr Alkohol, Wasser… Beim Thema Musik kommt endlich so etwas wie ein Gesprächsfluss zustande, immerhin etwas, und am Ende lasse ich mich doch von dir küssen. Meine Zunge ist schwer und der Mund fürchterlich trocken, ich trinke einen Schluck Bier nach.

Warum ich schließlich mit dir nachhause fahre, weiß ich nicht.

Plötzlich sitze ich auf der Rückbank eines Taxis, viel zu müde, um dem Verlauf deines Gespräches mit dem Fahrer zu folgen. Die Lichter der Nacht ziehen am Fenster vorbei, betrunkene, lachende, müde, lebendige Gestalten, von denen jede einzelne ihre eigene Geschichte hat, die mir vollkommen belanglos vorkommt. Ich lehne die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe und warte, bis das Taxi mit einem Ruck zum Stehen kommt. Du zahlst und steigst aus und ich folge dir wie im Traum, ohne zu sehen, wohin ich eigentlich gehe. Dein Zimmer wirkt abweisend auf mich, unfertig, und allem haftet ein seltsamer Geruch an, den ich nicht zuordnen kann. Dein Geruch? Wir trinken Tee und rauchen und du spielst mir Musik vor, während ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie betrunken ich wirklich bin. Hier, wo ich am Boden sitze, an den Pfosten deines Hochbettes gelehnt, und kalte, feuchte Luft durch das geöffnete Fenster hereindringt und mir ins Gesicht schlägt, beginne ich langsam, die Situation zu realisieren.

Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Schließlich gehen wir schlafen, ich klettere nach dir auf das schwankende Hochbett, dem ich nicht ganz traue, es erinnert mich zu sehr an ein kleines, verlorenes Schiff auf hoher See. Die kurze Episode der körperlichen Nähe findet ein abruptes Ende, weil wir beide von einer Sekunde auf die andere einschlafen. Wie vom Blitz getroffen. Oder vielleicht doch wie weggeschwemmt.

Wenige Stunden später wache ich auf, weil der Wecker meines Handys klingelt, ich muss auf die Uni. Ich stoße mit dem Kopf gegen die Decke, die viel zu niedrig ist, und klettere ungeschickt aus dem Bett. Du schläfst weiter, bemerkst nicht, wie ich mich in meine Hose zwänge und unter leisen Flüchen meine Sachen zusammenpacke. Pulsierende Kopfschmerzen lähmen jeden Gedanken, wo war noch einmal das Bad? Ich will mich leise davonstehlen, als wäre nie etwas passiert, habe den Türknauf schon in der Hand―
Das Schicksal ist gegen mich, würde ich sagen, wenn ich daran glauben könnte. Was machst du, komm wieder ins Bett, murmelst du undeutlich in dein Kissen und ich folge brav wie ein reumütiges Kind. Fluchtversuch zwecklos, ich bin auf einer Insel ohne Rettungsboot gelandet. Ich schaffe es nicht auf die Uni, bleibe liegen, fliege aus dem Kurs. War sowieso langweilig. Ich schlafe wieder ein, dein warmer, weicher Körper neben mir, so ungewohnt und doch passt er so gut zu meinem.

Das nächste Mal wache ich auf, als mein Telefon läutet. Ja, natürlich bin ich zu Hause. Nein, Uni hab ich verschlafen. Ich meld mich später. Bis dann. Du fragst mich nicht, wer es war, besser so, denn ich hätte ohnehin gelogen. Oder gesagt: Niemand. Dabei ist mein Freund nicht niemand, nur momentan ist er ganz fern, auf der anderen Seite eines Flusses ohne Brücke, sozusagen. Diesmal kann ich nicht mehr einschlafen, das Fenster geht nach Osten und Sonnenlicht flutet das Zimmer, ich starre auf die kleinen Unebenheiten an der Decke, die viel zu knapp über mir hängt. Dein Atem geht regelmäßig, kratzt nur ein bisschen, du bist dauererkältet, genau wie ich. Vielleicht liegt das aber auch am vielen Rauchen.

Ich weiß nicht, warum ich bleibe.

Wir verbringen einen Tag mit herumliegen und Radio hören. Ab und zu ein Hustenanfall und ich beobachte fasziniert, wie sich dein Körper dabei verkrampft und deine Muskeln sich anspannen, so dass dein Rücken sich in einem leichten Bogen von der Matratze hebt. Wahrscheinlich solltest du mehr Wasser trinken, aber es gibt nur Kaffee. Du machst furchtbar versalzenes Rührei, von dem ich nichts abhaben will. Ein Blitz der Erinnerung, der mich an salzigen Schweiß der vergangenen Nacht erinnert, lässt mich kaum merklich zusammenzucken. Als ich weg muss, es ist fast Abend, begleitest du mich zur Bushaltestelle. Wir haben keine Nummern ausgetauscht, du kennst nicht einmal meinen Namen. Die Trennung von dir fühlt sich ein bisschen eigenartig an, als würde etwas an dem Bild nicht stimmen, aber ich blicke nicht zurück, als der Bus abfährt.

Die Welt dreht sich weiter, als wäre nichts geschehen – eigentlich ist es das auch nicht. Jeden Morgen vermischt sich der bitter-scharfe Geschmack von Zahnpasta mit jenem von abgestandenem Instantcappuchino, der mir eigentlich nicht schmeckt, aber ich weiß, dass ich ihn trotzdem wieder kaufen werde. Es ist ohnehin nie Milch im Haus, es macht keinen Sinn, Filterkaffee zu kochen. Ich lebe sozusagen von der Plastikgabel in den Mund. Zukunft ist nichts weiter, als sich von einer Sekunde auf die nächste irgendwie über den Tag zu retten. Ich beginne zu ahnen, dass etwas fehlt.

Eine Woche später halte ich es nicht mehr aus. Mond und Gezeiten, Motten und Licht, Ozeankreuzer und Leuchttürme in einer Ära, als es noch kein GPS gab – alles eine Geschichte der Anziehung. Nüchtern ist es viel schwerer, einfach an deiner Tür zu klingeln und nach dir zu fragen, mein Herz hämmert in einem ungesund schnellen Rhythmus gegen meinen Brustkorb. David? Nein, der ist gerade nicht da, soll ich etwas ausrichten? Ein Zettel! Mit zitternden Händen schreibe ich meine Nummer auf ein kariertes Blatt Papier und lasse es in der Gewissheit zurück, alles mir Mögliche getan zu haben. Ab jetzt liegt nichts mehr in meiner Hand, was sich seltsam für mich anfühlt. Als würde man ins Meer hinausschwimmen, so weit wie nie zuvor, aber dabei nicht genau wissen, ob man auch den Rückweg noch schafft. Diesmal habe ich keine Entschuldigung; ich weiß genau, was ich anrichte.

Die Flut spült mich zurück ans Ufer und wie eine Schiffbrüchige, die selbst noch nicht an ihre Rettung glauben kann, nehme ich deinen Anruf entgegen. Benebelt und verwirrt treibe ich auf dich zu und es ist, als würden wir uns das erste Mal begegnen. Zitternde Knie, nervöses an-den-Haaren-Zupfen, festhalten an einer Zigarette. Der Kuss wie ein erster, nicht der erste, Gott bewahre. Schmetterlinge im Bauch, oder eher eine Horde aufgescheuchter Fische. Still frage ich mich, wo bei meinem Freund die Fische abgeblieben sind, und ich werfe dir einen verlegenen Blick von unten zu, der so gar nicht zu mir passen will. Dein Knie berührt meines, viel zu lang, viel zu ausdrucksvoll, um noch zufällig zu sein.

Ich weiß nicht mehr, was dann geschehen ist.

Wir treffen uns wieder und dann noch einmal, und irgendwann in der Zwischenzeit muss es passiert sein, dass ich in dir untergegangen bin, mitgerissen von der Strömung und dir vollkommen verfallen, ohne zu wissen, wie mir geschieht. Ich merke es erst, als du dich eine Woche später nicht mehr meldest. Sieben Tage, ein Viertel einer Mondphase, ein kleines Nichts an verschwendeter Zeit, dann ist es auch schon vorbei. Achtlos hingeworfen und im Sand versickert.

Langsam, viel zu langsam, verebben die Erinnerungen an dich und geben ein Bild der grenzenlosen Verwüstung frei, das ich eigentlich gar nicht sehen wollte. Alles ist wie vorher, ich tue so, als würde ich über die Dinge lachen, die auch die anderen lustig finden, als würde ich so denken, wie auch die anderen denken. So sein wie die anderen, sein wie du, warum sollte ich es überhaupt wollen, frage ich mich dann ein weiteres Mal, und bin im Grunde erleichtert, wenn ich endlich alleine bin.

In der Verlassenheit einer belebten Nacht sagt mein Freund, ich liebe dich, und ich kann nicht ohne dich. Ich sehe von der Brücke hinunter auf die metallschwarze Oberfläche des Flusses und beobachte das Fallen der ersten Regentropfen, wie sie das Wasser aufwerfen und seine Struktur langsam verändern. Und ich denke an dich, während ich antworte, mir geht es genauso.

3 Kommentare  
  • Kommentar von Lil | 06.09.2009 @ 12:08

    Ich kenne diese Geschichte. Nur finde ich sie jetzt da einige Zeit vergangen ist noch Ausdrucksvoller. Ich weiß nicht genau weshalb. Wahrscheinlich kann ich sie jetzt im großen Ganzen betrachten, während ich mir damals nur die Häppchen angesehen habe, die mir aus Erzählungen so wahnsinnig bekannt vorkamen.
    Und wir haben uns über “am Boden sitzen” unterhalten. Es scheint gar nicht lang her zu sein, dabei ist so viel Zeit vergangen. *sfz* aus irgendeinem Grund macht mich das traurig.

  • Kommentar von Moppelkatze | 06.09.2009 @ 15:10

    ja, irgendwann verschwimmen die grenzen von realität und geschichte. ich kenn sie selbst nicht mehr genau.
    manchmal *ist* es traurig, dass die zeit vergeht. murakami hat dieses bild verwendet: mein leben ist ein raum mit zwei türen, einem eingang und einem ausgang. manchmal kommen menschen herein, leisten mir für eine weile gesellschaft und gehen dann wieder. aber niemand bleibt.
    that’s life, i guess?

  • Kommentar von StonedLizard | 09.09.2009 @ 15:37

    Einfach wundervoll. Danke.

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