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Opium fürs Volk

Datum: 15.11.2009
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Es war die kleinste der vier Messehallen, in der sich schließlich Besucher, Verlage, Autoren, und solche, die eines davon waren aber lieber ein anderes wären, unter allzu gesitteten Umständen begegneten. Weil ich David Schalko, den zu heiraten ich gedacht hatte, um grob geschätzte 15 Minuten verpasste, grollte ich zunächst in erster Linie dem Schicksal, und fragte mich, ob nun der neu erworbene Wintermantel (daher die Verspätung) oder meine Verbindung mit David Schalko, die unserer Begegnung unweigerlich gefolgt wäre, länger die Zeit überdauert hätte. Aber schließlich blieb mir kaum etwas anderes übrig, als über diese unglückliche Verkettung der Umstände hinweg zu sehen, indem ich tief den Atem tausender Bücher in mich einsaugte und einen Moment die Augen schloss, um zu realisieren, wo ich war. Auf der Wiener Buchmesse.

Trotzdem lungerte ich noch eine gute halbe Stunde am Stand des Czernin-Verlages herum, um vielleicht doch noch einen Blick auf David Schalko zu erhaschen, von dem ich eigentlich nur wusste, dass er dunkle Haare hat und eine Brille trägt, was auf rund ein Viertel des männlichen Publikums zuzutreffen schien, weswegen ich permanent bedeutungslosen Fremden lüsterne Blicke hinterher warf, weil es ja theoretisch auch einmal den Richtigen treffen könnte, der davon aber ebenso umbeeindruckt geblieben wäre, wie all die anderen, die sie ebenso nicht zur Kenntnis nahmen.

Der Czernin-Stand war einer der größeren; weitläufiger noch als der des Suhrkamp- oder des S.Fischer-Verlages, was mich doch überraschte, und mit jeweils zwei oder drei mit Namensschildchen etikettierten Trabanten bestückt, die entweder dezent die präsentierten Bücher zurechtrückten oder auf Klapphockern um eines jener immer zu niedrigen runden Tischchen saßen und intellektuelle Dinge diskutierten. Auf dem Tisch stand ein Macbook, und mit einem Anflug von Genugtuung stellte ich fest, dass es ein älteres Modell war als mein eigenes. Bei Bedarf, nahm ich an, hätte einer der Etikettierten darin eine Liste von Publikationen aufrufen können, Dinge nachschlagen, die jemand vielleicht hätte wissen wollen. Tatsächlich stand besagtes Macbook aber einfach nur herum und starrte mit seinem einzelnen apfelförmigen Auge friedlich vor sich hin. Das lag wohl daran, dass das Buchmessen-Publikum generell ein sehr zurückhaltendes war. Als Betreuer eines Standes musste man generell nicht viel mehr tun, als sich dezent im Hintergrund zu halten und niemanden von der Seite anzusprechen, beziehungsweise aufs angesprochen werden soweit möglich ohne hektische Bewegungen und entsetze Ausrufe zu reagieren.

Schon die im prinzip einfach zu beantwortende Frage „Möchten Sie eine Tasse Tee?“ vermochte den eben noch in den Anblick von einem Regal voller Glück (entspricht vielen ungelesenen Büchern) Versunkenen – sprich: mich – völlig aus dem Konzept bringen. Statt der logischen Antwort („Nein, danke.“) begann ich mich hektisch umzusehen, bis mein Blick schließlich an dem seriös aussehenden Herren mit dem Namensschild, das ohnehin viel zu klein ist, als dass man es hätte lesen können, hängen blieb, der so verstörend freundlich war, dass ich zu stottern begann und schließlich die Frage bejahte. Wenigstens blieb ich in jener Hinsicht konsequent, als dass ich mich auch weiterhin zielgerecht in den Schlamassel steuerte, indem ich auch die Präzisierung, ob denn nun lieber starken oder schwachen Tee, falsch beantwortete, und aus purem Masochismus heraus nach starkem verlange. Der Tee entpuppte sich als so stark, dass er nur in winzigen Schlucken zu sich genommen werden konnte, gleich einem Eintauchen der Zunge in die Flüssigkeit, dann einer halben Minute in der man Spucke im Mund sammelt, um das Gebräu damit zu verdünnen, und anschließendem Herunterwürgen, nach dem sich die Kehle so trocken anfühlt, als hätte man einen leeren Kaffeefilter geschluckt. Nun war ich also gefangen, mit meiner suppenschüsselgroßen Teetasse in der einen, der kiloschweren Papiertüte voller Messesouvenirs in der anderen Hand, und musste entsetzt feststellen, dass man mich soeben in die Falle gelockt hatte. Zu spät bemerke ich das verräterische Banner „Manuskripte willkommen“ oder etwas Sinngemäßes, das für gewöhlich jene Verlage mit den zweifelhaftesten Titeln, den unbalanciertesten Covers und dem schlechtesten Satz vor allen anderen auszeichnete. Aber jetzt hatte ich eine Teetasse in der Hand, keine Chance sie irgendwo abzustellen bevor ich nicht ausgetrunken hatte, und die Aussicht auf Flucht schon von Anfang an verloren.
Und deswegen sollte man es unterlassen, die Besucher eine Buchmesse einfach so anzusprechen. Das macht ein schlechtes Bild.

Zur Beruhigung wartete ich anschließend noch ein bisschen auf Schalko, was mir mit der Zeit immer mehr wie Warten auf Godot erschien, und begann mich zu fragen, ob er nicht jener Unetikettierte um die 40 war, der wie ich permanent bei Czernin herumlungerte, aber, im krassen Gegensatz zu mir, beachtet wurde und irgendwie wichtig zu sein schien. Ich beschloss mein Bedürfnis ihn zu heiraten noch einmal zu überdenken.

Später hörte ich eine Lesung von Tex Rubinowitz, von dem ich immer schon gewusst hatte, dass wir auf keinen Fall ein eheliches Verhältnis eingehen würden, was zur Abwechslung sehr klar und zielgerecht verlief. Anschließend holte ich mir eine Widmung und einen gemalten Vogel in ein eigens zu diesem Zweck erstandenes Buch, weil es selbst mir komisch vorgekommen wäre, ihn eine Widmung in einen Roman eines anderen schreiben zu lassen.

Die Zeit verging schnell, obwohl objektiv gesehen ohne Füllung, oder zumindest ohne materielle Füllung, denn lungern, schlendern, lesen, hören, wundern, das war alles eher nebulös, bestenfalls so substantiell wie ein Soufflee. Köstlich, aber instabil. Und erst, wenn man von diesem Trip aus süßer Verzückung wieder im grauen U-Bahnschacht ankam und sich ohne Vorwarnung auf dem Nachhauseweg befand, merkte man, wie süchtig man nach dieser Droge war. Die Bücher sind Opium fürs Volk, und könnte man sie durch zerstäuben und inhalieren in sich aufnehmen, so wäre ich schon längst unter die Literatur-Kokser gegangen.

Es ist ein schönes Bild, wie jemand sich voller Hingabe eine Zeile Buchstaben in die Nase zieht.

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