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Doch, es gibt dumme Fragen…

Datum: 17.10.2009
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Telefonieren ist etwas, das viele Menschen zum Spaß tun, oder dann doch zumindest aus einer gewissen Zweckmäßigkeit heraus. Den Glauben an beides verliert man irgendwann, wenn man nur lang genug in einem Callcenter (und da ist es wahrscheinlich egal, in welchem) gearbeitet hat. Okay, eigentlich reicht für die Zerstörung jeglicher Illusionen schon eine einzige Woche. Oder ein Tag, wenn’s ein schlechter ist.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich eine ausgedehnte Diskussion mit einer Frau führte, die standhaft behauptete, wir müssten für die Reparatur ihres Fernsehers aufkommen.

“Haben sie denn da noch Garantie drauf?”
“Das weiß ich doch nicht!” (Sie sagte das so entrüstet, als hätte ich sie gerade nach dem aktuellen Programm im Pornokino gefragt.)
“Na wann haben sie ihn denn gekauft?”
“So vor sieben, acht Jahren…”
“Vor acht Jahren!?!”
“Ja, warum?”
“Selbst die verlängerte Garantiezeit ginge höchstens über fünf. Da brauchen Sie die Reparatur nicht über uns laufen lassen, das können’S dann bei jedem Elektriker machen lassen.”
“Ja und die Rechnung schick ich Ihnen dann?”
“Nein, die übernehmen wir nicht mehr. Dafür ist die Garantiezeit ja da, während der wird sowas abgedeckt, danach nicht mehr.”
“Also nein, das kann jetzt aber nicht stimmen. Dann kann man ja sonst gar nichts mehr bei Ihnen kaufen, das müssen schon Sie bezahlen!”
“…”

Tatsächlich ging das so noch ein paar Minuten hin und her, und endete damit, dass ich die gute Frau nach “oben” weiter verband, damit ihr das jemand mit mehr Geduld vermitteln konnte. (Das ominöse “Oben” ist bei uns, wo quasi Gott sitzt. Sprich, die Rechnungsabteilung.)

Ganz wundervoll, wenn auch weniger wortreich, war auch fogendes Gespräch:

“Was muss ich machen, wenn ich eine neue Frau kennengelernt habe?”
“Eh, ihr einen Ring kaufen?”

Es stellte sich letzten Endes heraus, der gute Mann wollte bloß eine Freundschaftswerbung machen, um einen Staubsauger dafür zu bekommen.

Logische Aussetzer passieren jedem über kurz oder lang. Wir müssen generell nicht so lange darauf warten.

“Haben sie auch Altgerätentsorgung?”
“Ja, kostet 24 €.”
“Das scheint mir aber etwas teuer. Ich dachte, das wäre kostenlos.”
“Die Entsorgung an sich ist kostenlos, die 24 € werden für den Transport von der Spedition berechnet.” (Das müssen wir sagen.)
“Wie, Spedition?”
“Na der Postler nimmt kaum a alte Waschmaschine in seinem Wagerl mit.” (Obwohl ich vermute, offene Ironie ist uns aus berufsetischen Gründen verboten. Schande über mich.)
“Es geht ja nicht um eine Waschmaschine.”
“War ja nur ein Beispiel. Worum gehts denn?”
“Um einen Rasierer.”
“…”

Er meinte das ernst.

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Fast eine Metapher

Datum: 21.7.2009
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Heute Morgen, ein paar Minuten vor Arbeitsbeginn, kommt ein verwirrter Mann in unser Büro.

Offensichtlich ist es wieder einmal jemand, der irgendetwas sucht und bei uns nachfragt, weil wir so seriös und professionell wirken. (Wer unser Büro nicht kennt, könnte den feinen Hauch von Zynismus an dieser Stelle eventuell nicht bemerken…) Jedenfalls fragt er meine Kollegin, die gerade intensiv den Pausenplan betrachtet, nach diesem oder jenem.

“Uh, fragen’s am besten die Chefin”, sagt sie und nickt grob in eine Richtung, die dummerweise auch die meine ist.

Meine Wenigkeit ist damit beschäftigt, ihren Rekord bei Minesweeper zu brechen – der einzigen Unterhaltung abseits der Arbeit, die uns hier neben dem Surfen auf Konzern-Partnerseiten und dem dumpfem Brüten über Dienstplänen noch bleibt. Würden sich nicht immer alle mit “Anonym” in die Highscoreliste eintragen, um keine Indizien zu hinterlassen, so würde bestimmt gewisser Ehrgeiz unter den Mitarbeitern erwachen. Aber es hat sicher alles sein Gutes. Sonst übertrüge sich der Enthusiasmus womöglich noch auf die Arbeit.

Jedenfalls steuert der verwirrte Mann zielstrebig auf mich zu, und ohne, dass ich mich wehren könnte, fängt er an zu reden. In einer Mischung aus mildem Desinteresse und einer gewissen “Fuck off and die”-Attitüde hebe ich den Kopf (was ausreicht, um meinen angestrebten neuen Rekord zu ruinieren). Seine Worte schaffen es, ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen, über meine geistige Landschaft hinweg zu ziehen. Ich glaube ihnen aber zu entnehmen, dass er hier und heute einen Termin hat, aber sich nicht erinnern kann wofür und bei wem, wodurch sich für mich die Situation irgendwo zwischen abstrus und schwachsinnig einordnen lässt.

Inzwischen hat die richtige Chefin – mit einem weitaus weniger ausgeprägten Hang zu solchen Klassifizierungen – das Dilemma erblickt und geleitet ihn mit freundlichen Worten zur Tür hinaus, und ehe er es merkt, sucht er woanders nach Antworten auf fragen, die er vergessen zu haben scheint.

Das ist es, was wir hier machen. Wir vertrösten die Leute und lassen es dabei so aussehen, als wäre alles zu ihrem Besten.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr ***-Versand.

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Fenstertag

Datum: 13.6.2009
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Diese Tage werden aus einem speziellen Grund so genannt: Familien fahren über ein verlängertes Wochenende auf Urlaub und überlassen dabei ihre minderbemittelten Verwandten, die normalerweise unter Aufsicht stehen und/oder in den Keller gesperrt sind, an einem eigentlich regulären Werktag ihrem Schicksal. Und sie können aus dem Fenster schauen, was vom Keller aus natürlich nicht geht. Daher Fenstertage.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie tatsächlich das Haus verlassen. Aber allein schon, wenn sie ihre Hände auf ein Telefon legen können, passieren Dinge, die von Grund auf den Glauben an Darwins Evolutionstheorie erschüttern, weil das einfach nichts mit der “natürlichen Auslese” zu tun haben kann.

Nur um ein paar Beispiele zu nennen:

“Willkommen bei ***-Versand, was kann ich für sie tun?”
“Ich habe einen Pool bekommen.”
“Eh, das ist ja schön.”
“Nein, das ist nicht schön! Der ist undicht!”
“Das ist natürlich ärgerlich. Dann schicken sie ihn bitte zurück, und ich lass’ Ihnen sofort einen neuen zukommen.”
“Nein nein, also so kommen Sie mir nicht davon! Das ist immerhin mein Wasser, das ich da reingefüllt habe, das müssen sie mir ersetzen!”
“…”

Oder der verzweifelte Versuch, eine Bestellung aufzugeben:

“Stimmt die Bestellnummer wirklich so? Der Computer nimmt sie nicht, und im Internet ist sie auch nicht zu finden…”
“Doch, ganz sicher!”
“Aus welchem Katalog ist sie denn?”
“Weiß ich nicht.”
“Wie sieht er denn aus?”
“Ja es ist ein Katalog.”
“Welche Farbe hat er?”
“Blau.”
“Hmm… finde ich jetzt auch keinen. Was steht denn drauf?”
“Frühjahr/Sommer 2007″
2007?!?
“Ja, und?”

Wir sind während einer Bestellung verpflichtet, immer den eben eingegebenen Artikel zu wiederholen und anschließend die Lieferbarkeit zu nennen. Etwa: “Triangelbikini in rot, ist in drei Wochen lieferbar.” Bisher bin ich nie in die Verlegenheit gekommen, ein Produkt aus dem Erotikkatalog bestellen zu müssen, welches generell unter der klingenden Bezeichnung “Gesundheitsartikel” läuft. Bisher.

“Ein… erm… Gesunheitsartikel -”
“Nein nein! Das ist kein Gesundheitsartikel, das ist ein Vibrator!”
“Eh – ja. Richtig. Natürlich.”
“Ist das auch der richtige? In eisblau!”
“Genau, in eisblau. Hätten wir in etwa zehn bis zwölf Tagen lieferbar.”
“Was, so spät erst? Aber ich wart’ doch schon so hart drauf…”
“Tut mir leid, Herr Mayerhofer.”

Was soll man dazu noch sagen?

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“Könnte mich bitte jemand erschießen?”

Datum: 9.4.2009
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Ich stelle diese Frage einfach so in den Raum und hoffe, irgendwer würde sie mehr kommentieren, als bloß den Mund zu einem halbherzigen Grinsen zu verziehen, um im nächsten Moment mit dem Blick wieder zum Bildschirm zu schwenken und ins Mikro zu sagen: “Ja, der Artikel ist lagernd.”

Seufzend nehme ich meinen nächsten Anruf entgegen. Eine Rechnung stimmt nicht. Schon weitergeleitet zum Second Level: “Hallo, eine Kontoklärung, bitte.” Es kommt mir vor, als hätten meine Stimmbänder Lähmungserscheinungen.

“Einen schönen guten Tag wünsche ich!”, fliegt mir ein Stückchen Freude vom anderen Ende der Leitung entgegen. Oh. ER. Ich habe ihn nie gesehen, und ich fürchte fast, er ist verheiratet, aber er hat diese unglaubliche Art, einen schönen guten Tag zu wünschen, dass mir jedes Mal ganz anders wird, wenn ich ihn zufällig am Telefon habe.

“Uh, ja.. die, erm, Kundennummer. Darf ich? Ich meine, kann ich sie schon durchgeben?”, fange ich plötzlich an zu stottern. Damn it. Wie albern. Andererseits auch die einzige Abwechslung in meinem grauen Arbeitsalltag zwischen Artikelnummern und Retouradressen.

Fast beneide ich die Kundin, die ich jetzt zu ihm durchstelle. Ob ich für so ein Gespräch auch einen Sendungsverlust in Kauf nehmen würde? Wahrscheinlich ist sowas das weibliche Pendant zu Telefonsex: mit einem charmanten Mann über Einkäufe zu sprechen. Oder generell – Teleshopping. Zum ersten Mal beginne ich das Phänomen zu begreifen.

Für ein solches Gespräch, überlege ich, da könnte der Lieferant auch ins Zimmer stürmen und meinen Kleiderschrank in Flammen setzen, wenn’s sein muss. (Ähnliches kam tatsächlich vor: “Ja, ich habe das Paket erhalten, aber der Bote kam später wieder und hat die T-Shirts aus meinem Kasten gestohlen! Die müssen sie mir ersetzen!”)

Aber ganz so drastisch muss es ja nicht sein. Schon Sekunden später blinkt das rote Lämpchen an meinem Telefon wieder und ich drücke auf den Knopf, um den Anruf entgegen zu nehmen – in der stillen Hoffnung, der Kunde hätte ganz gewaltigen Mist mit seinen Zahlungen  gebaut.

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Ein ganz neues Fernsehgefühl

Datum: 9.3.2009
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Mein neuer Job ist es, mich sechs Stunden täglich von fremden Menschen am Telefon beschimpfen zu lassen.

Als ob ich etwas dafür könnte, dass sich diese geistigen Pantoffeltierchen dafür entschieden haben, sich für hunderte von Euro einen Plasma-Fernseher anzuschaffen, und diesen dann in Raten von 15 Euro abzubezahlen, was etwa der Höhe der monatlich anfallenden Zinsen entspricht. Und dann wundern sie sich, dass der Betrag nicht kleiner wird. Das Teil ist wahrscheinlich noch nicht abbezahlt, wenn das Nachfolgemodell längst verschrottet ist.

Nein, ich habe sie bestimmt nicht dazu überredet. Trotzdem werde ich pausenlos eine inkompetente Idiotin geheißen, die generell für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich ist. Gegen das “inkompetent” wehre ich mich ja nicht einmal, aber Idiotin? Das schmerzt.

Die Mitarbeiter sagen, man würde abhärten mit der Zeit. Aber jetzt arbeite ich schon seit mehr als einer Woche dort und bin es noch immer nicht, wie lange dauert das denn noch, bitte?

Der einzige Vorteil, der sich aus meiner psychischen Schwächlichkeit ergibt, ist, dass die Kolleginnen aus der anderen Abteilung sich eher meiner Fälle annehmen, die eigentlich nicht in ihrer Zuständigkeitsbereich fallen, wenn ich dort mit tränenverhangener Stimme anrufe, und ihnen erkläre, ich wüsste nicht mehr, was ich der Furie sagen soll, die gerade wegen einer Mahngebühr von 10 Euro den millionenschweren Konzern verklagen will.

Well, duh.

Aber wenigstens werde ich schlecht bezahlt.

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Brauner Zucker

Datum: 6.3.2009
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Letzte Woche bei der Arbeit, es war Aschermittwoch, bekam ich mit, wie eine Kollegin mitten im Gespräch mit ihrer Tischnachbarin hörbar nach Luft schnappte und dann hektisch fragte: “Kannst du schnell für mich übernehmen? Ich muss dringend telefonieren!” Die Nachbarin, sichtlich besorgt, nickte und willigte ein.

Fünf Minuten später, die Kollegin war sichtlich erleichtert an ihren Platz zurückgekehrt, dann die Erklärung: “Na, ich hab meinem Mann heute eine Wurstsemmel als Jause mitgegeben. Jetzt hab ich ihm sagen müssen, dass er die auf keinen Fall essen darf. Es ist ja Fastenzeit!”

Ich stelle mir vor, wie ihr Mann den Anruf entgegen nahm, die angebissene Semmel in der Hand, den Mund noch voll, und dabei versuchte sich nichts anmerken zu lassen, während er seine panische Frau mit einem beschwichtigenden “Natürlich nicht, Schatz!” zu beruhigen versuchte.

Das Fasten wird zunehmen zu einem kulturellen Massenphänomen. Wer fastet, wird nicht länger als Kirchenspinner belächelt, sondern es bekommt plötzlich einen äußerst irritierenden, beinahe schon “Hi Society”-reifen Chic zugeschrieben. Und ich würde jetzt beinahe so weit gehen zu behaupten, dass Dominic Heinzl und der christliche Gedanke, der dahinter ursprünglich stand, sich gegenseitig ausschließen.

Persönlich habe ich weder mit Fasten noch mit der Kirche viel am Hut, ganz ehrlich gesagt. Ich finde es allerdings interessant, dass gerade in einer Zeit, in der sich die Kirchenaustritte häufen, nicht zuletzt wegen Negativschlagzeilen wie beispielsweise einen Linzer nun-doch-nicht-Weihbischof betreffend, etc etc, gerade eine ursprünglich christliche Tradition so in den Blickpunkt gerät.

Es gibt Autofasten für die Umwelt, Schokofasten für’s Gewissen, Handyfasten fürs Geldbörserl, traditionelles Fasten für – seien wir doch ehrlich – die Figur…

Stünde ich auf Seiten der Kirche, müsste ich sagen, der Gedanke dahinter ist mit der Zeit verloren gegangen.

Stünde ich auf Seiten der New-Wave-Fastenden, müsste ich sagen, vielleicht hat der Gedanke sich verändert, aber der Effekt ist trotzdem ein positiver.

Stünde ich auf Seiten der Wissenschaft, würde ich soziologisch bedeutende Schlüsse über den Wandel von Traditionen daraus ziehen können.

Aber weil ich nun einmal nichts davon bin, rühre ich mir einfach ganz dekadent zwei Löffel braunen Zuckers in meinen Café Latte und beobachte mit nicht abzustreitender Belustigung, wie eine Frau einen Kaffee mit fettarmer Milch bestellt.

“Weil, weißt eh”, sagt sie zu ihrer Freundin, “ich bin ja am Fasten…”

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