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Passiv aggressiv

Datum: 23.11.2009
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Zu spät für betitelten Blogeintrag, alles längst verraucht. Teils sogar wörtlich. Manchmal will man etwas so sehr, dass man es gar nicht merkt, wenn man eigentlich etwas anderes noch viel mehr will. Oder jemanden.

Einen Keks etwa. Oder so.

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Opium fürs Volk

Datum: 15.11.2009
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Es war die kleinste der vier Messehallen, in der sich schließlich Besucher, Verlage, Autoren, und solche, die eines davon waren aber lieber ein anderes wären, unter allzu gesitteten Umständen begegneten. Weil ich David Schalko, den zu heiraten ich gedacht hatte, um grob geschätzte 15 Minuten verpasste, grollte ich zunächst in erster Linie dem Schicksal, und fragte mich, ob nun der neu erworbene Wintermantel (daher die Verspätung) oder meine Verbindung mit David Schalko, die unserer Begegnung unweigerlich gefolgt wäre, länger die Zeit überdauert hätte. Aber schließlich blieb mir kaum etwas anderes übrig, als über diese unglückliche Verkettung der Umstände hinweg zu sehen, indem ich tief den Atem tausender Bücher in mich einsaugte und einen Moment die Augen schloss, um zu realisieren, wo ich war. Auf der Wiener Buchmesse.

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Flugbahnen

Datum: 11.10.2009
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Die Zeit verfliegt. Nicht wörtlich, so als würden ihr plötzlich Flügel wachsen und sie sich von einem Mauervorsprung stürzen, kurz ins Trudeln geraten, dann aber ihre Schwingen auf majestätische Weite ausbreiten und sich von der Luft tragen lassen, gleiten, als würde sie von unsichtbaren Fäden gehalten, wie eine fliegende Untertasse in einem Ed-Wood-Film.

Nicht ganz.

Sie ist einfach nur so aufgefüllt – vollgestopft, geradezu – und um wieder ein Bild zu verwenden, muss ich dabei an den Wolf denken, dem die sieben Geißlein nach ihrer heroischen Rettung durch den Jäger (den ich immer schon für den eigentlichen Bösewicht der Geschichte hielt) Steinbrocken in den Bauch füllen. Ungefähr so wie dieser Wolf fühlt meine Zeit sich an. Und wenn sie sich zu tief über einen Brunnen beugt, dann fällt sie hinein und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Vielleicht auch ein Grund, warum ich mich schon so lange nicht mehr auf einer Brücke aufgehalten habe.

Ich bin nicht sicher, worauf ich mit all dem eigentlich hinaus will. Man sollte doch annehmen, so eine Meinungsäußerung sollte irgendein Ziel haben, ein Schlussargument vortragen, einen abschließenden Witz, in dem all das vorher gesagte kulminiert. Nichts da. Aber immerhin befinden wir uns im Zeitalter der sinnlosen Meinungsäußerung ins Leere (vgl. Trouble with Twitters), und wer die Muße hat, sich aus all jenem eine gehaltvolle Information zu basteln, dem sei an dieser Stelle gleichermaßen gratuliert und kondoliert.

Diese Radiowerbung für irgendeinen Mobilfunkanbieter, die seit neuestem kursiert, spiegelt diesbezüglich erstaunlich gut den Zeitgeist wieder:
“Ich hab letztens Marmelade gegessen, die war von 1970 – war nicht mehr gut.”
“Und warum erzählst mir das?”
“Weil’s nichts kostet.”

Und da wären wir auch schon am Ende. Aus dem jeder schließen kann, was er will, sei es nun “Warum kommunizieren wir über Twitter mit vielen Fremden über die Tastatur, anstatt mit einem besonderen Menschen über den Rand eines Glases Rotwein?” oder “Gerade wo doch Zeit so ein knappes Gut ist, sollten wir sie so effizient wie möglich nutzen, indem wir in kurzer zeit möchlichst viele Leute ansprechen.” oder “Jetzt drückst du dich schon wieder seit einer halben Stunde vorm Lernen, was ist eigentlich los mit dir?”

Oder…

Bücher
 

Gemeinsam einsam.

Datum: 13.9.2009
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die einsamkeit der primzahlen Lesestoff: Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Primzahlzwillinge, das sind zwei Primzahlen, die nur durch eine einzige dazwischenliegende Zahl getrennt werden. Sie kommen nicht sehr häufig vor, und je weiter man zählt, desto seltener werden sie. Aber immer dann, wenn man schon denkt, es gäbe keine weiteren mehr, findet man doch noch ein solch seltsames Paar. Schicksalhaft vielleicht. Sich so nahe, und doch auf ewig von ihrem Gegenstück getrennt.

Mattia hat eine Schwäche für Primzahlen. Und er und Alice, findet er, sind wie Primzahlzwillinge, die sich gegenseitig näher sind als allen anderen, sich aber nie ganz erreichen werden. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit, teilen so viel und doch so wenig, jeder mit seiner eigenen Bürde belastet, die er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt. Ein einziger Tag war es, der jedes dieser beiden Leben auf immer verändert hat. Ihnen vielleicht für immer die Chance genommen hat, glücklich zu werden. Vielleicht haben sie das aber auch selbst getan.

Es ist wieder eines dieser Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man sie einmal aufgeschlagen hat. Von denen man sich wünscht, sie mögen niemals enden. Deren Protagonisten man nicht zu trösten versuchen würde, sondern sich einfach still neben sie setzen und nur eine zeitlang in die selbe Richtung mit ihnen blicken.

Genau das würde ich tun.

» Die Einsamkeit der Primzahlen auf Amazon.de

Bücher
 

Andererseits…

Datum: 22.8.2009
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Lesestoff: The Other Hand von Chris Cleave (Twitter: @chriscleave)

Wieder einmal eines dieser Bücher, das ich zufällig in die Hand nahm, weil mir das Cover zusagte. Und das ich nicht mehr aus selbiger legte, weil mir der Inhalt gefiel. Wenn ich jetzt sage, dass darin das Migrationsthema behandelt wird, schreckt das vermutlich viele ab, deswegen will ich anders beginnen:

Es geht um die Geschichte zweier Frauen, einer Nigerianerin und einer Britin, deren Wege sich erst zufällig, dann durch Absicht kreuzen, was im Endeffekt für beide all das verändert, was ihnen vertraut war. Oder zumindest so schien. Menschliche Abgründe werden enthüllt wie in einer Kriminalgeschichte, was es umso spannender macht, zumal eine solche in jedem von uns leben kann. Und es wahrscheinlich auch tut.

Aber all das kommt ohne den erhobenen Zeigefinger aus, sondern beschränkt sich auf simple Menschlichkeit. Mal spannend, mal erheiternd, mal abgrundtief traurig, aber immer mitreißend.

Ich habe das Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge geschlossen, würde ich sagen, ginge es darum eine halbwegs passende Redewendung zu finden. In Wahrheit aber habe ich mit beiden Augen geheult wie ein Schlosshund, aber irritierenderweise war all die Bestürzung mit einem absurden Anflug von Hoffnung gemischt.

Denn vielleicht, vielleicht wird doch noch alles gut. Irgendwann.

“The Other Hand” ist auf deutsch übrigens (noch?) nicht erschienen. In den USA und in Kanada trägt das Buch den Titel “Little Bee”.

…hier bei Amazon.com

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Fast eine Metapher

Datum: 21.7.2009
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Heute Morgen, ein paar Minuten vor Arbeitsbeginn, kommt ein verwirrter Mann in unser Büro.

Offensichtlich ist es wieder einmal jemand, der irgendetwas sucht und bei uns nachfragt, weil wir so seriös und professionell wirken. (Wer unser Büro nicht kennt, könnte den feinen Hauch von Zynismus an dieser Stelle eventuell nicht bemerken…) Jedenfalls fragt er meine Kollegin, die gerade intensiv den Pausenplan betrachtet, nach diesem oder jenem.

“Uh, fragen’s am besten die Chefin”, sagt sie und nickt grob in eine Richtung, die dummerweise auch die meine ist.

Meine Wenigkeit ist damit beschäftigt, ihren Rekord bei Minesweeper zu brechen – der einzigen Unterhaltung abseits der Arbeit, die uns hier neben dem Surfen auf Konzern-Partnerseiten und dem dumpfem Brüten über Dienstplänen noch bleibt. Würden sich nicht immer alle mit “Anonym” in die Highscoreliste eintragen, um keine Indizien zu hinterlassen, so würde bestimmt gewisser Ehrgeiz unter den Mitarbeitern erwachen. Aber es hat sicher alles sein Gutes. Sonst übertrüge sich der Enthusiasmus womöglich noch auf die Arbeit.

Jedenfalls steuert der verwirrte Mann zielstrebig auf mich zu, und ohne, dass ich mich wehren könnte, fängt er an zu reden. In einer Mischung aus mildem Desinteresse und einer gewissen “Fuck off and die”-Attitüde hebe ich den Kopf (was ausreicht, um meinen angestrebten neuen Rekord zu ruinieren). Seine Worte schaffen es, ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen, über meine geistige Landschaft hinweg zu ziehen. Ich glaube ihnen aber zu entnehmen, dass er hier und heute einen Termin hat, aber sich nicht erinnern kann wofür und bei wem, wodurch sich für mich die Situation irgendwo zwischen abstrus und schwachsinnig einordnen lässt.

Inzwischen hat die richtige Chefin – mit einem weitaus weniger ausgeprägten Hang zu solchen Klassifizierungen – das Dilemma erblickt und geleitet ihn mit freundlichen Worten zur Tür hinaus, und ehe er es merkt, sucht er woanders nach Antworten auf fragen, die er vergessen zu haben scheint.

Das ist es, was wir hier machen. Wir vertrösten die Leute und lassen es dabei so aussehen, als wäre alles zu ihrem Besten.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr ***-Versand.

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Rest In Pieces

Datum: 8.6.2009
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Ich fühle mich, als hätte mich jemand komplett demontiert und schlecht wieder zusammengesetzt.

Wenn wir uns ehrlich sind: man geht nicht auf ein Festival, um Musik zu hören. Okay, ein bisschen vielleicht, beziehungsweise ist das Line-Up ein Auswahlkriterium, weil sich je nach Genre ein entsprechendes Klientel dort einfinden wird.

Ein Festival, das sind drei Tage erkaufte Anarchie.

Ein Survival-Trip mit Bier und Dosenravioli, mit Kaffee, der aus Mineralwasser über dem Gaskocher angerührt wird, mit gesundem Dreck und dem taktischen Verzicht auf eine Dusche, weil es ja ohnehin jeden Moment regnen könnte.

Es sind nächtliche “Helga”-Schreie und explodierende Gaskartuschen, Nervenkitzel bei jedem Gang aufs Dixi-Klo, vor dem man trotz allen Ekels minutenlang ansteht bis es fast zu spät ist, und Krabbeltierchen auf der Luftmatratze. Nacktschnecken, knöchelhoher Schlamm, überteuerte Getränke im Bühnenbereich, Panikattacken inmitten wildgewordener Pogo-”Tänzer”, Kreislaufzusammenbrüche, Bierleichen, über die man im Dunkeln stolpert, Tinnitus…

Ganz ehrlich, warum tun wir uns das an? Vielleicht wegen den fremden Menschen, mit denen man plötzlich verregnete Nächte mit einem Bier in der Hand verbringen kann, um über alles Mögliche zu reden, nur nicht über das, was von Belang ist. Oder wegen dem kollektiven Aufschei aus tausenden Kehlen, wenn endlich die eine Band die Bühne betritt, auf die man so lange gewartet hat. Wegen dem Tanzen im Regen und dem Springen, bis man nicht mehr kann. Weil es ein Ausbruch ist, aus allem, was man kennt.

Vielleicht, weil man das Gefühl hat, das ist eine Spur von dem Leben, das man sonst versäumt. Alles davon, die Musik, das Gefühl, der Dreck, die Anstrengung, die Menschen. Und es funktioniert nur, weil alle diesen Traum gemeinsam träumen.

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Eines Tages musste es passieren.

Datum: 24.4.2009
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Letztendlich bin ich also wirklich in einer Welt angelangt, in der ausschlafen bedeutet, bis neun im Bett zu liegen und an die Decke zu starren.

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“Könnte mich bitte jemand erschießen?”

Datum: 9.4.2009
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Ich stelle diese Frage einfach so in den Raum und hoffe, irgendwer würde sie mehr kommentieren, als bloß den Mund zu einem halbherzigen Grinsen zu verziehen, um im nächsten Moment mit dem Blick wieder zum Bildschirm zu schwenken und ins Mikro zu sagen: “Ja, der Artikel ist lagernd.”

Seufzend nehme ich meinen nächsten Anruf entgegen. Eine Rechnung stimmt nicht. Schon weitergeleitet zum Second Level: “Hallo, eine Kontoklärung, bitte.” Es kommt mir vor, als hätten meine Stimmbänder Lähmungserscheinungen.

“Einen schönen guten Tag wünsche ich!”, fliegt mir ein Stückchen Freude vom anderen Ende der Leitung entgegen. Oh. ER. Ich habe ihn nie gesehen, und ich fürchte fast, er ist verheiratet, aber er hat diese unglaubliche Art, einen schönen guten Tag zu wünschen, dass mir jedes Mal ganz anders wird, wenn ich ihn zufällig am Telefon habe.

“Uh, ja.. die, erm, Kundennummer. Darf ich? Ich meine, kann ich sie schon durchgeben?”, fange ich plötzlich an zu stottern. Damn it. Wie albern. Andererseits auch die einzige Abwechslung in meinem grauen Arbeitsalltag zwischen Artikelnummern und Retouradressen.

Fast beneide ich die Kundin, die ich jetzt zu ihm durchstelle. Ob ich für so ein Gespräch auch einen Sendungsverlust in Kauf nehmen würde? Wahrscheinlich ist sowas das weibliche Pendant zu Telefonsex: mit einem charmanten Mann über Einkäufe zu sprechen. Oder generell – Teleshopping. Zum ersten Mal beginne ich das Phänomen zu begreifen.

Für ein solches Gespräch, überlege ich, da könnte der Lieferant auch ins Zimmer stürmen und meinen Kleiderschrank in Flammen setzen, wenn’s sein muss. (Ähnliches kam tatsächlich vor: “Ja, ich habe das Paket erhalten, aber der Bote kam später wieder und hat die T-Shirts aus meinem Kasten gestohlen! Die müssen sie mir ersetzen!”)

Aber ganz so drastisch muss es ja nicht sein. Schon Sekunden später blinkt das rote Lämpchen an meinem Telefon wieder und ich drücke auf den Knopf, um den Anruf entgegen zu nehmen – in der stillen Hoffnung, der Kunde hätte ganz gewaltigen Mist mit seinen Zahlungen  gebaut.

Moppelmerksätze
 

Moppelmerksatz #28

Datum: 27.3.2009
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Merke:

Am Ende wird alles gut.

Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.

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