Ich fühle mich, als hätte mich jemand komplett demontiert und schlecht wieder zusammengesetzt.
Wenn wir uns ehrlich sind: man geht nicht auf ein Festival, um Musik zu hören. Okay, ein bisschen vielleicht, beziehungsweise ist das Line-Up ein Auswahlkriterium, weil sich je nach Genre ein entsprechendes Klientel dort einfinden wird.
Ein Festival, das sind drei Tage erkaufte Anarchie.
Ein Survival-Trip mit Bier und Dosenravioli, mit Kaffee, der aus Mineralwasser über dem Gaskocher angerührt wird, mit gesundem Dreck und dem taktischen Verzicht auf eine Dusche, weil es ja ohnehin jeden Moment regnen könnte.
Es sind nächtliche “Helga”-Schreie und explodierende Gaskartuschen, Nervenkitzel bei jedem Gang aufs Dixi-Klo, vor dem man trotz allen Ekels minutenlang ansteht bis es fast zu spät ist, und Krabbeltierchen auf der Luftmatratze. Nacktschnecken, knöchelhoher Schlamm, überteuerte Getränke im Bühnenbereich, Panikattacken inmitten wildgewordener Pogo-”Tänzer”, Kreislaufzusammenbrüche, Bierleichen, über die man im Dunkeln stolpert, Tinnitus…
Ganz ehrlich, warum tun wir uns das an? Vielleicht wegen den fremden Menschen, mit denen man plötzlich verregnete Nächte mit einem Bier in der Hand verbringen kann, um über alles Mögliche zu reden, nur nicht über das, was von Belang ist. Oder wegen dem kollektiven Aufschei aus tausenden Kehlen, wenn endlich die eine Band die Bühne betritt, auf die man so lange gewartet hat. Wegen dem Tanzen im Regen und dem Springen, bis man nicht mehr kann. Weil es ein Ausbruch ist, aus allem, was man kennt.
Vielleicht, weil man das Gefühl hat, das ist eine Spur von dem Leben, das man sonst versäumt. Alles davon, die Musik, das Gefühl, der Dreck, die Anstrengung, die Menschen. Und es funktioniert nur, weil alle diesen Traum gemeinsam träumen.