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Opium fürs Volk

Datum: 15.11.2009
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Es war die kleinste der vier Messehallen, in der sich schließlich Besucher, Verlage, Autoren, und solche, die eines davon waren aber lieber ein anderes wären, unter allzu gesitteten Umständen begegneten. Weil ich David Schalko, den zu heiraten ich gedacht hatte, um grob geschätzte 15 Minuten verpasste, grollte ich zunächst in erster Linie dem Schicksal, und fragte mich, ob nun der neu erworbene Wintermantel (daher die Verspätung) oder meine Verbindung mit David Schalko, die unserer Begegnung unweigerlich gefolgt wäre, länger die Zeit überdauert hätte. Aber schließlich blieb mir kaum etwas anderes übrig, als über diese unglückliche Verkettung der Umstände hinweg zu sehen, indem ich tief den Atem tausender Bücher in mich einsaugte und einen Moment die Augen schloss, um zu realisieren, wo ich war. Auf der Wiener Buchmesse.

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Gemeinsam einsam.

Datum: 13.9.2009
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die einsamkeit der primzahlen Lesestoff: Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano

Primzahlzwillinge, das sind zwei Primzahlen, die nur durch eine einzige dazwischenliegende Zahl getrennt werden. Sie kommen nicht sehr häufig vor, und je weiter man zählt, desto seltener werden sie. Aber immer dann, wenn man schon denkt, es gäbe keine weiteren mehr, findet man doch noch ein solch seltsames Paar. Schicksalhaft vielleicht. Sich so nahe, und doch auf ewig von ihrem Gegenstück getrennt.

Mattia hat eine Schwäche für Primzahlen. Und er und Alice, findet er, sind wie Primzahlzwillinge, die sich gegenseitig näher sind als allen anderen, sich aber nie ganz erreichen werden. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit, teilen so viel und doch so wenig, jeder mit seiner eigenen Bürde belastet, die er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt. Ein einziger Tag war es, der jedes dieser beiden Leben auf immer verändert hat. Ihnen vielleicht für immer die Chance genommen hat, glücklich zu werden. Vielleicht haben sie das aber auch selbst getan.

Es ist wieder eines dieser Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man sie einmal aufgeschlagen hat. Von denen man sich wünscht, sie mögen niemals enden. Deren Protagonisten man nicht zu trösten versuchen würde, sondern sich einfach still neben sie setzen und nur eine zeitlang in die selbe Richtung mit ihnen blicken.

Genau das würde ich tun.

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Dystopia

Datum: 24.8.2009
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Lesestoff: Corpus Delicti von Juli Zeh

Eine Dystopie ist eine Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat [...]. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen.
Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine autoritäre oder totalitäre Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle.

“Ein Prozess”, so lautet der Untertitel; jener wird einer jungen Frau gemacht, die erst unfreiwillig zur Rebellin deklassiert wird, und später aus Überzeugung zur Märtyrerin werden will. Und tatsächlich scheint sie an den Grundfesten der Übermächtigen “Methode”, die alle Lebensbereiche der Gesellschaft zum höheren Zweck der “Gesundheit” kontrolliert, rütteln zu können. Aber die selbsternannte “4. Staatsgewalt”, die Presse, größter Kontrahent und gleichzeitig wertvoller Verbündeter, lässt sie keinen Schritt unbeobachtet tun.

Normalerweise kaufe ich keine Hardcovers. Zu teuer und nehmen zu viel Platz im ohnehin schon überquellenden Bücherregal weg. Außerdem eher ungünstig bei meiner aktuellen Umzugsstatistik, die erfordert, dass meine Mini-Bibliothek etwa alle 8 Monate von A nach B verlegt wird. In diesem Fall wurde mir die bestätigende Ausnahme zur Regel geradezu aufgezwungen, weil ich das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte, nachdem ich im Geschäft bereits über Stunden herumgelungert hatte und es zur Hälfte ausgelesen hatte.

Fesselnd, verstörend und sprachlich herausragend.

“Ich glaube nicht an Gott und er glaubt nicht an mich. Das beruht auf Gegenseitigkeit.”

Juli Zehs Webpräsenz
Am 12. November 2009 zusammen mit Slut im PPC Graz: Corpus Delicti – Eine Schallnovelle
Sämtliche Tourtermine in Österreich und Deutschland bei Schöffling & Co.

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Andererseits…

Datum: 22.8.2009
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Lesestoff: The Other Hand von Chris Cleave (Twitter: @chriscleave)

Wieder einmal eines dieser Bücher, das ich zufällig in die Hand nahm, weil mir das Cover zusagte. Und das ich nicht mehr aus selbiger legte, weil mir der Inhalt gefiel. Wenn ich jetzt sage, dass darin das Migrationsthema behandelt wird, schreckt das vermutlich viele ab, deswegen will ich anders beginnen:

Es geht um die Geschichte zweier Frauen, einer Nigerianerin und einer Britin, deren Wege sich erst zufällig, dann durch Absicht kreuzen, was im Endeffekt für beide all das verändert, was ihnen vertraut war. Oder zumindest so schien. Menschliche Abgründe werden enthüllt wie in einer Kriminalgeschichte, was es umso spannender macht, zumal eine solche in jedem von uns leben kann. Und es wahrscheinlich auch tut.

Aber all das kommt ohne den erhobenen Zeigefinger aus, sondern beschränkt sich auf simple Menschlichkeit. Mal spannend, mal erheiternd, mal abgrundtief traurig, aber immer mitreißend.

Ich habe das Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge geschlossen, würde ich sagen, ginge es darum eine halbwegs passende Redewendung zu finden. In Wahrheit aber habe ich mit beiden Augen geheult wie ein Schlosshund, aber irritierenderweise war all die Bestürzung mit einem absurden Anflug von Hoffnung gemischt.

Denn vielleicht, vielleicht wird doch noch alles gut. Irgendwann.

“The Other Hand” ist auf deutsch übrigens (noch?) nicht erschienen. In den USA und in Kanada trägt das Buch den Titel “Little Bee”.

…hier bei Amazon.com

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Lichtschalter im Kopf

Datum: 11.7.2009
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Es ist schon lange her, dass ich zum letzten Mal über ein Buch geschrieben habe. Vielleicht ist es jetzt wieder an der Zeit. Vielleicht.

Lesestoff: Aprilwetter von Thommie Bayer.

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Ich verstehe nichts von Musik.

Datum: 4.3.2009
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Die Goldbergvariationen, gespielt von Glenn Gould, habe ich mir nur organisiert, weil ich in einem Roman von Thomas Bernhard darüber gelesen habe. Ich kann nicht beurteilen, ob sie tatsächlich so kunstfertig gespielt sind wie es heißt, ob Goulds Ruhm, der sich wohl unter anderem auf ihre Interpretation gründete, gerechtfertigt war. Natürlich kann ich es nachlesen, nachfragen, wenn ich möchte, aber ich müsste das, was ich erfahren würde, vorbehaltlos glauben. Nachdem ich es überprüft und noch einmal überprüft und letztendlich nachkontrolliert habe, würde mir nichts anderes bleiben, als den Kennern zu vertrauen, mich der Mehrheit anzuschließen.

Das, oder ich werde selbst zum Kenner. Irgendwie, nachdem ich viel Zeit und Geduld investiert habe. Selbst gelernt habe, Klavier zu spielen, unzählige Konzerte gehört habe. Vielleicht.

Aber jemand, der ein Kenner ist, sagte einmal zu mir: “Ich wünschte, ich könnte das noch einmal so verbehaltlos hören wie du. Du kannst einfach danach gehen, was für ein Gefühl du dabei hast.”

Ich hatte das Gefühl, dass Glenn Gould sehr einsam gewesen sein muss.

Und ich werde jetzt nicht in der Wikipedia nachlesen, ob dem tatsächlich so war…

10 Dinge
 

10 Dinge, die SIE uns nicht wissen lassen wollen

Datum: 30.10.2008
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  1. Hinter den Spiegeln im Lift sind Kameras versteckt. Sie beobachten uns.
  2. Die globale Erwärmung gibt es gar nicht. Die Idee wurde uns von der Tourismusbranche eingepflanzt, damit wir glauben, es wäre hier so heiß, dass wir im Sommer nicht mehr auf Urlaub in südlichere Länder fahren müssen. Diese sogenannte Klimakatastrophe ist nichts weiter als eine Propagandamaßnahme für den Heimattourismus.
  3. Sie töteten Douglas Adams, weil er zu viel wusste.
  4. Ödön von Horvath auch.
  5. Kläranlagen existieren nicht. Abwasser wird nur mit Chlor und einem leichten Mittel zur Betäubung unseres Geruchssinns versetzt und wird ungefiltert wieder unters Trinkwasser gemischt.
  6. Das, was wir im Supermarkt als Kuhmilch kaufen ist in Wirklichkeit ein Abfallprodukt, das von der Milch genmanipulierter Ratten übrig bleibt, deren ursprünglicher Zweck die Erzeugung eines Enzyms war, das als Bestandteil biologischer Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen sollte.
  7. McDonalds und die US Army sind ein und die selbe Organisation.
  8. Jörg Haider ist nicht tot und sitzt in diesem Moment zusammen mit Elvis in Fidel Castros Pokerzimmer, trinkt Rum, raucht Zigarren und… und die Bemerkung über die kubanischen Lustknaben spare ich mir jetzt besser.
  9. Wenn man eine Seite der K.-Zeitung isst, wird man high. Isst man eine ganze Zeitung, stirbt man. Das ist deshalb so, weil das Papier mit einer halluzinogenen Substanz versetzt ist, die über die Haut aufgenommen wird und leichte Wahnvostellungen hervorruft, die üblicherweise dazu führen, Dinge als plausibel eizustufen, deren Abstrusität bei klarem Verstand völlig offensichtlich wäre. Bei oraler Einnahme wirkt die Droge entsprechend stärker, bei mehr als zehn Seiten ist die Dosis tödlich. Die Auswirkungen durch Konsumierung einer ganzen Sonntagsausgabe wäre für die Umwelt noch über Jahre hinweg schädlich, weswegen eine K.-Leiche als Sondermüll behandelt werden muss.
  10. Sie sind Eichhörnchen.
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Versäumnis

Datum: 15.10.2008
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Man könnte meinen, ich hätte die letzten drei Monate kein Buch mehr angefasst. Stimmt aber nicht. Hab viele in der Hand gehabt, sogar aufgeschlagen und gelegentlich gelesen… Manche auf deutsch, viele aber auf Englisch, weil ich das Gefühl hatte, bisher viel von der englischsprachigen Grundliteratur versäumt zu haben.

Hemingway, beispielsweise, dem versoffene Chauvinistenschwein, bin ich auf diese Weise zum ersten Mal begegnet. Ein alter Mann zog einen Fisch an Land, der am Ende kein Fisch mehr war. Nobelpreisträchtig.

Richard Adams habe ich kennen gelernt, den manche auch des Antifeminismus bezichtigen, weil die niedlichen Kaninchendamen von den Herren Leporiden als bloße Reproduktionsmaschinen betrachtet wurden. Tragisch.

Mit Jane Austen feierte ich ein kitschtriefendes Wiedersehen, wenngleich von einem Hauch der Arroganz der Emma Woodhouse überschattet, die Elizabeth Bennet niemals aufblitzen ließ. Saccharinsüß.

Ein weiteres grundlegendes Werk, das womöglich das Potential hat, mein Leben um einiges zu bereichern, wartet noch im Regal auf mich: “Burton on Burton”. Mit einem Vorwort von Johnny Depp. Epochal.

Lesen ist schön.

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Eine Lebensgeschichte

Datum: 10.7.2007
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Lesestoff: Ein Mord den jeder begeht von Heimito von Doderer.

Kreise müssen sich schließen. Zumindest ist das der ideale Fall, der leider allzu selten eintritt. Wenn sich dieser Kreis endlich schließt, dann ist man wirklich und endlich offen für Neues – schade nur, wenn man nicht mehr dazu kommt, diese Offenheit zu nützen.

Andererseits – ist es nicht so etwas wie ein perfekter Abschluss, wenn es an dem Punkt zu Ende ist, auf den man fast ein Leben lang hingestrebt hat? Und würde der Umkehrschluss dann bedeuten, dass man nicht sterben kann, solange man diesen Punkt nicht erreicht hat?

Wahrscheinlich nicht, aber zumindest sind das Gedanken, die am Ende dieses Buches durchaus aufkommen können.

Im Grunde: Lebensgeschichten sind nicht so wirklich mein Ding (ein ganzes Leben ist so fürchterlich lang, und, sein wir uns einmal ehrlich – den Großteil der Zeit geschieht auch nichts wirklich Nerven kitzelndes, oder?)

Ok, ok, ich gebe zu, abgekürzt im Buchform, zwangsläufig, trotzdem gibt es Dinge, die sind einem im Grunde egal. Oder mir egal, um nicht allzu präpotent in meiner Meinungskundgabe zu wirken. Die Geschichte, deren Hintergedanke mir eigentlich gefällt, zumal schon ein Hintergedanke vorhanden ist, was prinzipiell ein gutes Zeichen ist, ist allerdings kein, wie sie uns selbst sagen will, Kreis, sondern – unschön! – eher eine deformierte Ellipse; ein Ei, kurz gesagt.

Alles schließt zwar am Ende wunderbar zusammen, aber die Erzählung hat durchaus einen Zenit, die Spitze des Eibergs, sozusagen, an dem sich die Ereignisse drängen, die Spannung steigt, das Lesen reizt. Seitlich dieser Spitze entsteht jedoch ein Gefälle, von dem aus man langsam über die große Wölbung des Eis dahintrottet, ohne Aussicht auf einen verheißenden Gipfel, denn es folgt Wölbung auf Wölbung auf Wölbung…

Nicht, dass ich hier etwas schlecht machen wollen würde – ich meine, Doderer, hallo, jeder meiner Prefessoren würde mich dafür lynchen – es ist nur… ein Ei. Und eine Lebensgeschichte. Eiförmig.

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Wenn das Leben so schwer auf dir lastet, wie ein Panzer, der auf deiner Brust steht…

Datum: 5.6.2007
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Lesestoff: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera.

Am Anfang der Genesis steht geschrieben, dass Gott den Menschen geschaffen hat, damit er über Gefieder, Fische und Getier herrsche. Die Genesis ist allerdings von einem Menschen geschrieben, und nicht von einem Pferd. Es gibt keine Gewissheit, dass Gott dem Menschen die Herrschaft über die anderen Lebewesen tatsächlich anvertraut hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Mensch sich Gott ausgedacht hat, um die Herrschaft, die er an sich gerissen hat über Kuh und Pferd, heiligzusprechen.

Diese vielzitierte Passage stammt aus jenem Roman, in dem es um vieles geht, der viele Fragen aufwirft und kaum eine beantwortet, aber es doch immer versteht, den Leser zur selbst gefundenen Lösung hinzuführen. Liebe, Sex, Krieg, Paranoia, Zwänge, Gott und das Leben an sich, solche Themen geben dem Buch etwas Philosophisches; geistreiche Gedanken machen es zu etwas, das aus der gleichförmigen Masse an klischeehaften Liebesromanen, an trockenen Romanen über historische Ereignisse und an nicht nachvollziehbaren Romanen mit philosophischer Intention heraussticht.

Leicht ist es natürlich nicht, aber wie wir gelernt haben: je schwerer etwas ist, desto wirklicher und wahrer ist es.

Das Ende ist kein Happy End. Und doch ist es irgendwie tröstlich.

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