Ich brauche die Liebe im selben Außmaß, wie sie mir schadet.
Zugegeben, ich habe lange gebraucht, um diesen höheren Zusammenhang zu verstehen, aber als mir die Erkenntnis kam, war es wie ein brechender Damm. Die Eindrücke stürzten herab, begruben mich, erdrückten mich, und mitten auf der belebten Brücke, auf der ich stand, kamen mir die Tränen. Ich bin immer noch nicht sicher, ob es Tränen der Erleichterung oder der Verzweiflung waren.
Apathisch lief ich irgenwann weiter, mir war egal, wohin ich ging, solange ich nur ging, es nur ging. Detail für Detail kam mir wieder in den Sinn, wie meine Beziehungen und ich uns gegenseitig manipuliert hatten, um uns beide systematisch zugrunde zu richten. Und jedes Mal hatte es funktioniert, das war das Erschreckende daran. Aber die Frage, die sich immer offensichtlicher stellte, der ich aber mit solcher Penetranz auszuweichen versuchte, dass das Schicksal sich gezwungen sah, mir in die metaphorischen Weichteile zu treten, war auf Dauer unumgänglich.
Ein Blick auf mein Handy – keine Nachricht, kein verpasster Anruf – und ich wusste, dass ich sie mir zu stellen hatte. Durfte ich mich niemals verlieben, um die Chance zu haben, wenn schon nicht glücklich, dann zumindest zufrieden zu sein?
Ich trottete den steinigen Pfad am Fluss entlang, plötzlich von einer unerklärlichen Müdigkeit befallen, meine Augen immer auf die Wellen gerichtet. Fluss, fließen, weiter, weiter, Einsamkeit, wohin? Wortfetzen kreuzten meine Sinne, ohne, dass ich damit etwas hätte anfangen können. Ein morsches Boot, wie ein Sinnbild für mein verpfuschtes Leben; das Wasser, das es trug, aber gleichzeitig die Fäulnis dazu brachte, sich langsam aber sicher durch die splitternden Planken zu fressen.
Irgendwann stand ich wieder auf einer Brücke, und dachte, das müsse der Moment sein, um fliegen zu lernen. Ich stellte es mir als den schönsten Augenblick meines Lebens vor, wenn ich den Wind spüren würde, der mir ins Gesicht bläst, meinen Körper trägt, unter mir die tosenden Wassermassen, der Fluss gesäumt vom frischen Grün der Bäume. Es müsse wundervoll sein, so überlegte ich, nur zu kurz, viel zu kurz.
Ich schloss die Augen, um ein paar gedankenfreie Sekunden lang den Wind zu fühlen. Dann drehte ich mich um und ging.